Romeo und Julia am JGG

Zugegeben, es war sehr gewagt, was die Theatergruppe des Johannes-Gutenberg-Gymnasiums Waldkirchen (JGG) bei ihrer diesjährigen Vorstellung auf der Bühne präsentierte: Aus Shakespeares weltberühmtem Liebespaar „Romeo und Julia“ wurden „Romeo und Julian“, zwei junge Männer also, die in dem frei interpretierten Stück ihre Liebe zueinander entdeckten und kühn allen Konventionen entgegentraten. Die moderne Bühnenfassung des Shakespeare-Klassikers von Anke Ruge wurde hierzu entsprechend abgeändert.

Oberstudiendirektorin Josefa Stamm war als Schulleiterin hocherfreut, zur JGG-Premiere des – wenn auch mit ganz neuer Akzentuierung versehenen – Bühnenklassikers ein volles Haus willkommen heißen zu können. In der Tat war die Aula bis auf den letzten Platz besetzt, unter den Gästen konnte auch Landrat Sebastian Gruber mit Lebensgefährtin begrüßt werden. Das Theater, so Stamm, füge sich hervorragend in das ganzheitliche Bildungsangebot des Gymnasiums ein. Die Schulleiterin zollte der Theatergruppe, in der sich Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9 bis 12 engagieren, zugleich Respekt für ihren Mut, den sie mit ihrer Interpretation des Stücks bewiesen haben. Die Schulgemeinschaft habe schon seit Wochen gespannt auf die Bühnenpremiere gewartet. Immerhin habe man schon herausfinden können, dass auf zwei Ebene des Schulhauses gespielt werde: auf der Bühne in der Aula sowie auf der Glasgalerie des ersten Stocks samt ihrem kleinen Balkon direkt über den Publikumsplätzen.

Die Aufführung selbst begann dann beinahe nostalgisch: Sir William Shakespeare (gespielt von Jimmy Weber) erschien höchstpersönlich auf der Bühne und rezitierte im besten Englisch des elisabethanischen Zeitalters aus dem Original-Prolog des Stücks: „Zwei Häuser waren, gleich an Würdigkeit, hier in Verona, wo die Handlung steckt, durch alten Groll zu neuem Kampf bereit, wo Bürgerblut die Bürgerhand befleckt. Aus dieser Feinde unheilvollem Schoß das Leben zweier Liebender entsprang.“ Gleich an der ersten Szene der eigentlichen Handlung erkannte man aber, dass es sich um eine sehr moderne Interpretation der Geschichte handelte: Die beiden verfeindeten Häuser Capulet und Montague erschienen als rivalisierende Jugendcliquen, die sich über einen gewissen sozialen Habitus definieren, ins Smartphone starren und Modezeitschriften schmökern. Ihre Dialoge enthielten viele zeitgenössische Anspielungen, von Justin Biber bis hin zu Kanzlerin Merkel.

Jedenfalls beschließen die Montagues, der auch Romeo (Franz-Josef Biebl) angehört, sich bei einer als Kostümfest angekündigten Nobelparty in der „Villa Rosa“, dem Elternhaus von Julian Capulet (Christoph Gründinger) zu amüsieren. Romeo, so witzeln seine Freunde, werde dort Rosalinde (Eva Lorenz) treffen, in die er – wie sie glauben – heimlich verliebt sei. Indessen erfährt man, dass Julians Eltern (Lloyd Sema und Hannah Rosenberger), allen voran der am Rande des Ruins stehende Vater, ein Geschäftsmann, darauf drängen, dass ihr Spross schnellstmöglich das wohlhabendende It-Girl Paris (Jasmin Pfleiderer) heiratet, um den exquisiten Lebensstandard halten zu können.

Julian, von seinen Capulet-Freunden deswegen bespöttelt, schenkt Paris auf der stilvollen Party keinerlei Beachtung und zieht sich auf den Balkon der Villa zurück. Und dort kommt es schließlich zur Zufallsbegegnung mit Romeo, der sich, von der Partygesellschaft genervt, auf dem Balkon eine Zigarette gönnt. Ihr Gespräch beginnt mit der Liebe zu Mädchen, bald merken die beiden aber, wie sie voneinander berührt und hingezogen sind. Sie vereinbaren einen weiteren Treffpunkt, die Kirche von Padre Lorenzo, immerhin „der einzige Ort, wo mich meine Eltern nie suchen würden“. Als Padre Lorenzo (Christoph Gibis in einer Paraderolle), der sich im Schatten des Altares heimlich seinen alchemistischen Leidenschaften hingibt, von Romeo erfährt, dass er in einen Jungen verliebt sei, meint der erstaunte Geistliche im besten italischen Slang zwar „Mama mia, die Wege des Herrn sind unergründlich!“, stellt aber dennoch sein Gotteshaus den Liebenden bereitwillig zur Verfügung.

Am Folgetag hat sich die Geschichte längst herumgesprochen, und die Capulets – allen voran deren Wortführerin Tybia (Patricia Beinbauer) – stellen die Montagues, angeführt durch die taffe Mercutia (Anna Zupan), zur Rede. Die verbale Provokation – Romeo muss sich für seine sexuelle Orientierung wüst beschimpfen lassen – entwickelt sich zu einem heftigen Gefecht, in dessen Verlauf Tybia Mercutia mit einer zerbrochenen Flasche tötet, woraufhin Romeo mit einer Pistole, die Angela Capulet (Verena Holzinger) aus der Hand geschlagen wurde, auf Tybia zielt und diese tödlich trifft.

Romeo, des Totschlags verantwortlich, will daraufhin untertauchen und sucht ein letztes Mal seinen Julian auf. Dieser bietet ihm an: „Bleib doch bei mir! Bei einem Capulet würde man dich niemals suchen.“ Arm in Arm schlafen sie auf der Couch in Julians Zimmer ein. Während die beiden träumen, besteht Julians Vater – er denkt an Haus, Auto und Yacht – weiterhin auf eine Eheschließung mit Paris. Als die Mutter ihm Andeutungen über die Neigung des Sohnes macht, tickt der Vater aus: Ein schwuler Sohn mache sein gesamtes gesellschaftliches Ansehen zunichte. Julian jedoch vertraut sich am nächsten Morgen schließlich seiner Mutter an: „Wieso kannst du mich nicht so akzeptieren, wie ich bin?“

Pater Lorenzo hat eine Idee, wie man Zeit gewinnen könne: Er gibt Julian ein Fläschchen mit einem schlaffördernden Mittel, das den Anschein erwecke, als sei man tot. Plangemäß erscheinen die Capulets mitsamt Julians Eltern in der Kirche und betrauern ihn. Als sie abziehen, sucht Romeo, der dummerweise von Plan des Paters noch nichts mitbekommen hat, seinen Liebsten am heimlichen Treffpunkt in der Kirche und findet den vermeintlich toten Julian. In seiner Verzweiflung trinkt er selbst von dem Fläschchen und erliegt sogleich einer Überdosis. Der wieder aufgewachte Julian findet den toten Freund, greift selbst nochmal zur Flasche und sinkt sterbend auf seinem Liebsten zusammen. Aus dem dunklen Vorhang erscheint nun abermals Shakespeare: For never was a story of more woe/Than this of Juliet and her, äh Julian an his Romeo. – Nie gab es eine schmerzlichere Geschichte als die von Julia, ähm Julian und seinem Romeo.“

Das Premierenpublikum honorierte – wie auch am zweiten Aufführungstag – die Bühnenleistung mit tosendem Beifall. Im Namen der Schauspieler hob Christoph Gibis nach dem Schlussapplaus insbesondere die Zusammenarbeit mit den vielen Akteuren hinter den Kulissen hervor, zumal auch das Bühnenbild – zu jedem Szenenwechsel wurde ein passendes Hintergrundbild projizierten – sowie die Licht- und Toneffekte die rundum gelungene Bühnenvorstellung perfektionierten. Schulleiterin Josefa Stamm, sichtlich stolz über das, was ihre Schulfamilie wieder einmal auf die Beine gestellt hatte, bedankte sich mit einem Blumenstrauß bei Oberstudienrätin Michaela Maier, die als Leiterin der Theatergruppe bzw. des Profilfachs „Dramaturgisches Gestalten“ intensiv in sämtliche Vorarbeiten investiert hatte und als Regisseurin die Gesamtleitung der Aufführung innehatte.