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„Die Kulturtechnik Schreiben im digitalen Zeitalter“: Die Arbeit der Fachschaft Deutsch

Eine interessante, wenn auch anspruchsvolle Aufgabe wurde in diesem Jahr unseren Abiturienten in der für alle verpflichtenden Deutsch-Abiturprüfung zur Wahl gestellt: Es galt, einen etwa 1200 Wörter umfassenden Beitrag zum Thema „Die Kulturtechnik Schreiben im digitalen Zeitalter“ zu verfassen. Alltagsnah ist dieses Thema allemal. Der scheinbare Bedeutungsverlust der Handschrift in Anbetracht der Omnipräsenz der Tastatur kann – so wird vielfach lamentiert – nicht ohne Auswirkungen auf die Ästhetik des handgefertigten Schriftbilds bleiben. Von besorgter Elternseite ist am Sprechtag immer wieder zu hören: „Die Noten passen ja, aber seine Schrift! Ein Graus! Was könnten wir denn da noch machen?“ Diese Sorge ist in manchem Fall berechtigt. Schreiben mit der Hand gilt – Digitalisierung hin oder her – als elementare Kulturtechnik, auch wenn die Benotung der „Schrift“ aus Grundschulzeugnissen seit geraumer Zeit verschwunden ist. Wie bewundernswert sind doch alte Urkunden und historische Schriftstücke, die schwungvollen Handschriften unserer Groß- und Urgroßelterngeneration, mühevoll und mit größter Sorgfalt zu Papier gebracht! Ich kann mich selbst noch allzu gut an meine Grundschulzeit erinnern, als während der Hausaufgaben mein Vater mit Radiergummi oder Tintenlöscher bewaffnet neben mir saß und sofort aktiv wurde, wenn auf meinem Blatt nicht ein Buchstabe dem anderen glich.

In unseren Klassenzimmern von heute aber sitzt die erste Generation der „Digital Natives“, also derer, die in der digitalen Welt aufwachsen, für die der Umgang mit PC und Smartphone, mit WhatsApp, Emojis und Co. keinerlei Schwierigkeit darstellt. Trotz aller Digitalisierung (immerhin DAS Schlagwort, das die Schulentwicklung am JGG in diesem Schuljahr im besonderen Maße beherrschte!) ist es jedoch vermessen, eine schöne, saubere Handschrift ins Reich der Nostalgie zu verweisen. Die Bedeutung der Handschrift etwa bei der Ausbildung der Feinmotorik ist unbestritten. Die dreißig Muskeln des hochkomplexen Systems „Hand“ wollen sensibilisiert werden. Von der Evolution her ist das menschliche Gehirn so angelegt, dass aufgrund von Synapsenverschaltungen eine höhere Denkleistung entsteht. Das heißt, man kann Sachverhalte viel besser verinnerlichen, wenn diese mit fein differenzierten Bewegungen notiert werden. Das Betätigen einer Tastatur erfordert bei Weitem nicht so differenzierte Bewegungen der Hand wie die verschiedenen Richtungen beim Schreiben.

Dennoch verlangt die Berufswelt von heute einen schnellen und effizienten Umgang mit den sog. „neuen Medien“. Die Nürnberger Medienpädagogin Stefanie Müller schlägt demnach einen sehr sinnvollen Kompromiss vor: „Wir haben diese althergebrachten Techniken, Kulturtechniken, aber wir haben jetzt auch neue Technologien zur Verfügung. Und da steckt ein Riesenpotenzial auch für manche Methoden, für manche Ziele drin, aber es geht darum, ihnen es richtig beizubringen. Es geht um eine Sowohl-als-auch-Pädagogik und nicht Entweder-oder.“ Das Johannes-Gutenberg-Gymnasium und insbesondere der Deutschunterricht am JGG greifen diesen Sowohl-als-auch-Ansatz gerne auf. Außer Frage steht, dass Schulaufgaben und sonstige schriftliche Leistungserhebungen selbstverständlich handschriftlich durchgeführt werden und dass – sollte die Schrift unleserlich sein – die äußere Form dann entsprechend moniert wird. Außer Frage steht aber auch, dass ein zeitgemäßer Unterricht die digitalen Möglichkeiten nutzt. Das Anfertigen und Überarbeiten von Übungsaufsätzen mittels eines Textverarbeitungsprogramms, die Gestaltung von Präsentationen im Sinne von Referaten, der Einsatz onlinegestützter Übungsmöglichkeiten, die zielorientierte Internetrecherche und vieles mehr sind längst unterrichtlicher Standard geworden. Natürlich wird sich das Fach Deutsch auch bei der Erstellung des sog. „Medienkonzeptes“, das bis zum nächsten Schuljahresende stehen soll, seiner Schlüsselfunktion gerecht werden.

Aber auch über das Feld der Digitalisierung hinaus setzt der Deutschunterricht neuere didaktische und curriculare Entwicklungen um. Der fachschaftsbezogene Teil des diesjährigen „Pädagogischen Tages“ nahm hierzu gezielt den erweiterten Textbegriff – als „Text“ werden demnach alle mündlichen, schriftlichen und visuellen Produkte in ihrem jeweiligen kulturellen und medialen Kontext verstanden, die analog oder digital vermittelt werden (z.B. Film als „Textprodukt“) – sowie die Gestaltung anwendungsbezogener, in einem realen Kontext situierter Aufgaben (z.B. Verfassen einer informierenden, argumentierenden und/oder appellierenden Rede als Schulaufgabenformat ab der 9. Jahrgangsstufe) in den Mittelpunkt.

Und dass sich der Deutschunterricht auch nach außen im Sinne von projektorientiertem Arbeiten, der Organisation von kulturellen Veranstaltungen oder der Kooperation mit außerschulischen Partnern im größerer Dimension öffnet, ist am Johannes-Gutenberg-Gymnasium ohnehin seit vielen Jahren Standard. Unsere Schülerinnen und Schüler nahmen im Schuljahr 2017/18 etwa an Autorenlesungen, an einer Veranstaltung zum „Welttag des Buches“ sowie am Vorlesewettbewerb teil, besuchten das Medienzentrum der Passauer Neuen Presse, holten die Heimatzeitung ins Klassenzimmer und betätigten sich journalistisch, brachten sich kreativ bei einem Poetry Slam-Workshop ein oder kamen in den Genuss einer Aufführung von G.E. Lessings „Nathan der Weise“. Als Fachbetreuer danke ich allen Kolleginnen und Kollegen für dieses umfassende Engagement sowie allen Schülerinnen und Schülern, die sich bereitwillig in diese Projekte eingebracht haben.

Übrigens: Die eingangs erwähnte Abituraufgabe zum Thema „Kulturtechnik Schreiben im digitalen Zeitalter“ wurde von acht unserer insgesamt 83 Abiturienten gewählt. Der große Rest bevorzugte die traditionellen Aufgabenformate rund um Rilke, Dürrenmatt und Goethes Bildungsroman „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. Und natürlich wurden die Gedanken der Schüler mit Stift und Tinte handschriftlich zu Papier gebracht, was bei dem einen mehr, beim anderen vielleicht weniger leserfreundlich geschah J

Christian Weishäupl, OStR
Fachbetreuer Deutsch


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