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Von Christian Weishäupl

Waldkirchen. Buchwald – oder Bucina, wie der Ort auf halbem Wege zwischen Finsterau und Kvilda heute auf der Landkarte heißt – war auf einer Höhenlage von 1162 Metern einst der höchste besiedelte Ort des Böhmerwaldes. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, als das Dorf an die Tschechoslowakei zurückgefallen war und nun unmittelbar in der militärischen Sperrzone am "Eisernen Vorhang" lag,  wurden – wie auch im gesamten Umland – die deutschsprachigen Bewohner vertrieben und ihre Häuser und Gehöfte zerstört. Wer heute dort, inmitten der wunderbaren Natur des Nationalparkes Sumava, unterwegs ist, kann sich kaum vorstellen, dass sich hier fast 280 Jahre lang ein blühendes Dorfleben abspielte. Insbesondere der Jugend auf beiden Seiten der Grenze, also jener Generation, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Jahre 1990 geboren wurde, fehlt heute der Zugang zur tragisch-schicksalhaften Historie des Böhmerwaldes. Grund genug, dem mit einem länderübergreifenden Schulprojekt entgegen zu wirken!

Das Projekt "Begegnungsraum Geschichte – außerschulische Lernorte in der bayerisch-böhmischen Grenzregion", das von den Universitäten Passau und Budweis ins Leben gerufen wurde und aus Mitteln der Europäischen Fonds für regionale Entwicklung sowie der Bayerischen Sparkassenstiftung finanziert wird, ermöglicht bayerischen und tschechischen Schülern intensive Begegnungen an Orten, an denen die gemeinsame Geschichte beider Länder Spuren hinterlassen hat. In diesem Rahmen konnten sich nun über 40 Schüler der 11. Jahrgangsstufe des Johannes-Gutenberg-Gymnasiums Waldkirchen sowie des Partnergymnasiums Vimperk auf Spurensuche nach dem verschwundenen Grenzort Buchwald begeben. Die eintägige Exkursion wurde in Begleitung von Oberstudienrat Marcus Erlmeier, dem Geschichte-Fachbetreuer am JGG, sowie seiner tschechischen Kollegin Jana Kriskova und vier wissenschaftlicher Mitarbeiter der beiden Universitäten durchgeführt.

Auf Grundlage von Zeitzeugenberichten, Eintragungen in Orts- und Schulchroniken, aber vor allem mit Hilfe von Überresten der einzelnen Gebäude sowie des rekultivierten Friedhofs und der Kirche im nahegelegenen einstigen Pfarrort Fürstenhut (Knizeci Plane) galt es für die Schülerinnen und Schüler, das Schicksal des Ortes und seiner Bewohner von Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein nachzuzeichnen und damit Themen wie die Zwangsaussiedlung nach dem Zweiten Weltkrieg, die Errichtung der Grenzsperranlagen oder die Einebnung der Bebauung zu problematisieren und den Fall des Eisernen Vorhangs vor 27 Jahren als historische Chance für Europa zu begreifen.

Nach der Ankunft im Böhmerwald wurden die Schüler beider Schulen in zwei deutsch-tschechische Gruppen eingeteilt, um sich bei einer Sprachanimation kennenzulernen und ins Gespräch zu kommen. Erfreulich hierbei: Die Jugendlichen zeigten keinerlei Berührungsängste, und auch die Sprachbarrieren waren schnell überwunden, zumal die Winterberger Gymnasiasten zum Teil sehr gut Deutsch sprachen. Ansonsten wich man bei der Kommunikation auf das Englische aus. In einem ersten historischen Teil wurde die Geschichte des Böhmerwaldes im 20. Jahrhundert am Beispiel Buchwalds thematisiert. Hierzu fand ein hochinteressantes Zeitzeugengespräch mit dem Finsterauer Helmut Haselberger statt, dessen Wurzeln in dem einst zur Gemeinde Buchwald gehörenden Ort Hüttl (Chalupky) liegen. Anhand seiner Familiengeschichte konnte das Leben entlang der Grenze plastisch rekonstruiert werden.  

Nach dem gemeinsamen Mittagessen im Hotel "Alpska Vyhlidka" ("Alpenblick") erledigten die engagierten Projektteilnehmer in Vierergruppen aus jeweils zwei Waldkirchner und zwei Winterberger Schülern Aufgaben im Außenbereich des Hotels in Buchwald sowie im umliegenden Gebiet. Während sich einige Schüler mit einem rekonstruierten Grenzzaun samt Wachturm oder mit dem in Buchwald geborenen böhmisch-österreichischen Schriftsteller Johann Peter (1858-1935) beschäftigten, ging es für andere ins vier Kilometer entfernte Fürstenhut, wo die Relikte des Friedhofs sowie der Pfarrkirche erkundet wurden. Die Wahrzeichen der einstigen Pfarrei Fürstenhut waren 1956 eingeebnet worden. Der Friedhof konnte erst nach der politischen Wende wieder rekultiviert werden, auch die Fundamente der Dorfkirche sind noch bzw. wieder zu sehen. Die Schüler waren von dem Ort tief beeindruckt.  

Nach den Freiluft-Recherchen wurden die gewonnenen Erkenntnisse zurück im Hotel präsentiert und diskutiert. Seitens des Waldkirchner Gymnasiums blicken die Q11-Schüler auf eine hochinteressante, äußerst gewinnbringende Exkursion zurück. Trotz der herbstlichen Kälte hatte man viel Wissenswertes über das Leben entlang der Grenze und das tragische Los des Grenzgebietes gelernt und vor allem Kontakte zu gleichaltrigen Schülern jenseits der Grenze geknüpft, oder wie Oberstudienrat Marcus Erlmeier bilanziert: "Gelebte Schulpartnerschaft vor dem historischen Hintergrund der gemeinsamen Geschichte."

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"Hier stand die Kirche der Pfarrgemeinde Fürstenhut" steht zweisprachig auf der Gedenktafel. In Viergruppen erkundigten Schüler aus Waldkirchen und Vimperk diese und weitere Spuren der Vergangenheit rund um den einstigen Böhmerwaldort Buchwald.

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Im Buchwalder Hotel "Alpenblick" stand Helmut Haselberger aus Finsterau, dessen Wurzeln ganz in der Nähe von Buchwald liegen, den Schülern als Zeitzeuge zur Verfügung. Die Gymnasiasten erhielten dadurch besonders authentische Einblicke in die Geschichte des Grenzgebietes.

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Kommunikation über die Sprachgrenzen hinweg: In den Räumen des Hotels "Alpenblick" konnten sich die Schüler beider Gymnasien kennenlernen und nach den Gruppenrecherchen ihre Ergebnisse besprechen.

Fotos: JGG


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